Etwas über Macht und Moral

Fassungslos und zutiefst schockiert stehen wir dem Krieg in der Ukraine gegenüber. Wir verurteilen den Überfall der Russischen Föderation auf die Ukraine auf das Entschiedenste. Russische Ärzte, Wissenschaftler, Künstler, Sportler, Journalisten und Schriftsteller protestieren in „Offenen Briefen“ und anderen Medien gegen den Krieg, der von ihrem Land begonnen wurde. Obwohl ihre Stimmen und Proteste mit Gewalt unterdrückt werden, sind sie für die internationale Öffentlichkeit ein äußerst wichtiges Zeichen des Widerstands gegen den Krieg. Auch der Moskauer PEN-Club protestiert scharf gegen den Krieg.

Aus gegebenem Anlass erinnern wir dazu an Stefan Zweigs Gedanken zu „Macht und Moral“:

Stefan Zweig: Etwas über Macht und Moral (1930)

(Eine kleine Anmerkung aus meinem Drama „Das Lamm des Armen“.)

„[…] Unsere Pflicht ist darum immer, nicht die Macht an sich zu bewundern, sondern nur jene seltenen Menschen, die sie redlich und gerechterweise gewonnen. Redlich und gerecht gewinnt sie eigentlich nur immer der geistige Mensch, der Wissenschaftler, der Musiker, der Dichter, denn was er gibt, ist niemand genommen.

Das irdische, das militärische, das politische Herrschertum eines einzelnen entsteht ausnahmslos aus Gewalt, aus Brutalität und deshalb müssen wir, statt die Sieger blindlings zu bewundern, immer die Charakterfrage stellen, durch welches Mittel und auf wessen Kosten einer gesiegt. Denn wo im Materiellen, im Staatlichen große Macht eines einzelnen entsteht, dort kommt sie selten aus dem Nichts oder aus freiliegendem Gut, sondern fast immer ist sie anderen, ist sie Schwächeren genommen, fast immer hat jeder große Nimbus da auch einen verdächtig blutfarbenen Schein. Sind wir aber – und ich hoffe, wir sind es – von der Idee der Heiligkeit jedes einzelnen Lebens durchdrungen, leugnen wir das Recht eines Individuums, über Hunderte und Tausende seiner Lebensgenossen die Stufen der Macht emporzusteigen, sehen wir die Weltgeschichte nicht einzig als eine Chronik von Siegen und Kriegen und nicht den Eroberer schon vornweg als Helden an, dann erst machen wir jener gefährlichen Vergötterung des Erfolgs ein Ende. Zwischen Macht und Moral ist selten eine Bindung, meist sogar eine unüberbrückbare Kluft; sie immer und immer wieder aufzuzeigen bleibt unsere erste, unsere dringlichste Pflicht, und wenn Dichten nach Ibsens Wort bedeutet ’Gerichtstag halten’, so dürfen wir uns nicht scheuen, auch ab und zu eine der mit serviler Ehrfurcht gesalbten Gestalten vor unser privates Tribunal zu rufen und auch dem Vergessenen, dem Zertretenen das Recht der Zeugenschaft zu gewähren.“

Etwas über Macht und Moral erschien in der Zeitschrift „Kunst und Volk“, Mitteilungen des Vereines Sozialdemokratische Kunststelle Wien 4 (1930), H. 9, S. 288.

Stefan Zweig bereitete mit diesem Essay das Publikum auf eine eigens angesetzte Arbeiteraufführung seiner Tragikomödie „Das Lamm des Armen“ (UA 1929) am 23. Mai 1930 in Wien vor. Das Thema des Stücks ist der Missbrauch der Macht.

 

 

2 Comments

  1. Frank Geuenich

    Fassungslos wäre wohl auch Stefan Zweig gewesen! Sein Text zeigt – in diesem Falle muss man sagen: leider -, dass Zweig heute genauso aktuell ist wie zu seinen Lebzeiten. Was er in seinem kleinen Text sagt, stimmt auch heute bis aufs Wort.

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  2. Karl Müller

    Herzlichen Dank für diese beklemmende Erinnerung am Vorabend des Weltenbrandes?
    Aber hören es die Mächtigen, die skandalöserweise bewunderten Führer, die Ungeistigen? Haben sie denn je gehört oder gelesen? Nein … Ausnahmen bestätigen die Regel. Taubheit, Unverfrorenheit, Kälte, Bedenkenlosigkeit, Verbrechertum, amoralischer Narzissmus und Wahn sind ihre “Qualitäten”. Tja, die dringlichste Pflicht, der Künstler*innen die meist unüberbrückbare Kluft zwischen Macht und Moral aufzuzeigen – welch eine schöne, in die Leere tönende Beschwörung! Petropolis 1942.

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