Rezension zum Stefan Zweig Handbuch von Gerhard Aschenbrenner

Stefan Zweig Handbuch. Hrsg. von Larcati, Renoldner, Wörgötter, 1004 Seiten, Berlin/Boston: de Gruyter, 2018. ISBN: 9783110303889, € 199,50

Seit langem angekündigt, nach fünf Jahren gründlicher Zusammenschau und Forschungsarbeit vonseiten 67 Beiträgern, auf 906 Textseiten und etlichen Anhängen, ist das Stefan Zweig Handbuch als Magnum Opus aus der Feder des scheidenden und des nachfolgenden Leiters des Salzburger Stefan Zweig Zentrums (und einer kompetenten Mitarbeiterin) endlich erschienen. Angeblich wird in absehbarer Zeit eine wohlfeilere, broschierte Ausgabe folgen.

Zweck dieses Handbuchs ist es, „das literarische Werk, dessen Rezeption und die Forschung dazu umfassend zu dokumentieren“. Das ist – kurz gesagt – zweifelsohne gelungen.

Im ersten, umfangreicheren Teil des Handbuchs wird das Werk von Stefan Zweig, Text für Text, nach einem einheitlichen Schema (Entstehung, Inhalt, Rezeption und Forschung) vorgestellt; im zweiten Teil werden systematische Aspekte (Querverbindung des Werks zu Literatur im allgemeinen, zu Geschichte und Politik, seine Rezeption und Editionsgeschichte) behandelt, das alles von ausgewiesenen Zweig-Experten auf ihrem Gebiet (darunter eine erhebliche Zahl von Mitgliedern der ISZG). Ergänzt wird die Analyse des Werks durch eine eingehende Biografie und ein detailliertes Literaturverzeichnis.

Die vollbrachte Arbeit am Handbuch verdient uneingeschränkte Hochachtung und aufrichtige Zustimmung; wenn dennoch im Folgenden, nach erster, kursiver Lektüre, einige kritische Bemerkungen vorgebracht werden, soll das nicht als kleinliche Beckmesserei verstanden werden.

Unvermeidlich bei einer so großen Zahl von Beiträgern scheint ein gewisses Maß von Überschneidungen und überflüssigen Mehrfacherwähnungen zu sein. Auch gibt es – die überwiegende Zahl der Beiträge ist selbst für Nicht-Germanisten wie den Schreiber dieser Zeilen verständlich -, Stellen, wo, selbst nach Konsultation befreundeter Leser, man nur perplex mit Kopfschütteln reagieren kann. Ein Beispiel im Kapitel „Schachnovelle“, immerhin einem Schlüsselwerk zu Stefan Zweig:

„Mit der narratologischen Begrifflichkeit Gérard Genettes wäre hier also der extradiegetisch-homodiegetische (Ich-) ‚Erzähler erster Stufe, der seine eigene Geschichte erzählt‘, vom intradiegetisch-heterodiegetischen ‚Erzähler zweiter Stufe‘ (Freund), der eine Geschichte erzählt, in der er ‚nicht vorkommt‘, sowie vom intradiegetisch-homodiegetischen ‚Erzähler zweiter Stufe‘ (Dr.B.),‘der seine eigene Geschichte erzählt‘, zu unterscheiden“. (S. 238).

Um diese Ausführungen zu verstehen, bräuchte es wohl ein Handbuch zum Handbuch.

Aus Sicht der Internationalen Stefan Zweig Gesellschaft stößt eine Stelle im Beitrag von Arnhilt Johanna Höfle – Mitglied dieser Gesellschaft und Vortragende an ihrer Wiener Jahrestagung 2016 – sauer auf. Im Kapitel zur Rezeption nach 1942 auf Seite 803 erwähnt sie die 1957 erfolgte Gründung dieser Gesellschaft, übergeht aber mit Schweigen deren Fortbestand (mit Unterbrechung) und ihre heutigen Aktivitäten. Auch im folgenden Kapitel “Rezeption seit 1992” wird die seit 1998 bestehende ISZG mit keinem Wort erwähnt. Eine Nennung mit Referenzen (wie Homepage u. ä.) in einem Handbuch zu SZ wäre wohl von großem Interesse für die deutschsprachige und internationale Gemeinschaft von an seinem Werk Interessierten, wie der Kreis der Mitglieder der Gesellschaft vermuten lässt.

Natürlich kann das Handbuch nur den Ist-Stand an aktueller Information zu SZ zum Zeitpunkt des Manuskript-Abschlusses wiedergeben; man kann sich deshalb fragen, ob der Umfang an aufgelisteter detaillierter Information, die ja ohnehin zum Teil im @ (Wikisource, STEFAN ZWEIG DIGITAL etc.) verfügbar ist und bald überholt sein wird, nicht hätte beschränkt werden sollen. Im Ergebnis wäre dann wohl weniger mehr gewesen.

aschenbrenner.gerhard@gmail.com

1 Kommentar

  1. Frank Geuenich

    Eine sehr aufschlussreiche Rezension, vielen Dank dafür! Dass das Handbuch demnächst in einer günstigeren Ausgabe erscheint, kann man in der Tat nur hoffen: Rund 200 Euro sind ein Preis, der sich auf die (wünschenswerte) Verbreitung dieses lang angekündigten Werks sicherlich nicht förderlich auswirkt und selbst eingefleischte Zweig-Fans hinsichtlich einer Anschaffung zögern lassen muss. In dieser Hinsicht wäre weniger sicher auch mehr gewesen, zumal ja auch die Etats der Bibliotheken für Neuanschaffungen oftmals nicht mehr ganz so hoch sind wie in früheren Zeiten…

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