Von der Holle Street zur Hallam Street

Eine nicht gehaltene Ansprache nach der Enthüllung der Blue Plaque für Stefan Zweig in Londons 49 Hallam Street am 1. Juli 2026

von Rüdiger Görner

Erstmals wurde eine Blue Plaque anno 1867 in Londons Holle Street zur Erinnerung an Lord Byron angebracht, auf Anregung der damaligen Society of Arts. Auszuschließen ist nicht, dass sich der London-kundige und mit Blue Plaques vertraute Stefan Zweig träumen ließ, selbst einmal auf diese Weise erinnert zu werden. Lange hat English Heritage uns auf dieses Ereignis warten lassen. Nun ist es soweit, sie ist im Namen des Weltautors Stefan Zweig, enthüllt, die blaue Plakette, die seit 1986 English Heritage vergibt und verwaltet. In Zweigs Fall hatte sich diese illustre Organisation zur personalen Erinnerungspflege sechzehn Jahre Bedenkzeit geleistet und ursprünglich (2012) den Antrag ablehnend beschieden mit der selbst den Evening Standard fassungslos machenden Begründung, Zweigs Stellung in der Weltliteratur sei noch nicht gesichert. Niemand hat diesen peinlichen Umstand subtiler kommentiert, als soeben Eva Alberman, die Nichte von Zweigs zweiter Frau, Lotte Altmann, die sich an das Ambiente in der Wohnung im dritten Stock von 49 Hallam Street noch erinnern kann: „A little late“, hat sie soeben bemerkt, die Meisterin des pointierten understatement, leise, aber deutlich vernehmbar, als sie die Enthüllung der Blue Plaque vorgenommen hat.

Der Publizist Horatio Morpurgo, der die Kampagne für diese späte Ehrung Stefan Zweigs zuletzt geführt hat im Namen einer stattlichen Liste von Befürwortern, hat zurecht die politisch-symbolische Bedeutung dieser Feierstunde hervorgehoben: Mit Stefan Zweig wird durch diesen Akt hier im Herzen Londons ein (E-)Migrant und großer Europäer gewürdigt, genau zehn Jahre nach dem verhängnisvollen Brexit-Referendum der Briten. Auch Josef Schellhorn, der Staatssekretär für Deregulierung im Bundesministerium für europäische und internationale Angelegenheiten, hat gleichfalls diese Bedeutung der Blue Plaque für Stefan Zweig hervorgehoben. Diese europäische Symbolik im Schaffen Zweigs, so der Übersetzer von Zweigs Reisefeuilletons, Will Stone, werde besonders sichtbar in seinem Einsatz für den belgischen Dichter Emil Verhaeren.

Fraglos, Stefan Zweig wurde selbst zu einem ‚Dichter seines Lebens‘, wie er dies an den Beispielen Casanovas, Stendhals und Tolstois gezeigt hat. Er sprach von Stendhals „schöpferischer Zwiespältigkeit“, die auch sein eigenes Verhältnis zu England beschreibt. Er, der meisterlich über Dickens zu schreiben verstand und eine unübertroffene Biographie Maria Stuarts vorlegte, er, der einen Sinn hatte für den volkstümlichen Stückeschreiber Ben Johnson, wie er in seiner Bearbeitung von dessen Volpone (1926) unter Beweis stellte, haderte doch mit der (vermeintlichen) Indifferenz, die er in London in den 1930ern antraf. Dem noch ungebrochenen imperialen Dünkel im England jener Zeit konnte er wenig abgewinnen, noch weniger der überlangen Appeasement-Politik der Regierung gegenüber Hitler. Und doch blieb er ein Pazifist auf der Flucht vor kriegerischen Handlungen, ein Humanist, der das lebendige Erbe des Erasmus und Castellios gegen den Ungeist der Zeit ins Bewusstsein seiner Leser rief.

49 Hallam Street – hier entstand das photographische Porträt, das Gisèle Freund von ihm aufgenommen und das er für das gelungenste gehalten hat. Es zeigt ihn alles andere als gebrochen, eher als einen souveränen Gentleman der Literatur und Musik; im Hintergrund befindet sich ein mittelalterliches Musikmanuskript in Neumenschrift, das auf den bedeutenden Sammler Stefan Zweig verweist. Hier, in Hallam Street, in Reichweite zum Hauptgebäude der BBC, hat er mit wenigen Freunden über die immer prekärer werdende Weltlage gesprochen, über die drohende Verheerung Europas durch den Hitlerismus, wohl auch über das, was das Bekenntnis zum Humanismus noch bedeuten kann. Er hatte nicht nur über Erasmus und Castellio geschrieben; er, der Weltenbürger, war selbst erasmisch geworden und dabei immer, auch in London, ein Salzburger aus Wien geblieben. Salzburg, das er auch fortan mit der Seele suchen sollte, ob später in Bath oder dann im südamerikanischen Exil, auf den Anhöhen von Petropolis. 49 Hallam Street – die Arbeits- und Wirkungsstätte im dritten Stock, Wohnung Nummer einundsiebzig, wo sich, anders als in Parterrewohnungen, zumindest etwas Übersicht gewinnen ließ – es war zwischen 1936 und 1939 sein Ort der Selbstbesinnung. Von hier und heute geht eine Botschaft an unsere Zeit aus: Allen Zumutungen des politisch-ideologischen Dogmatismus, welcher Couleur auch immer, die Stirn bieten: Es gilt: das freie Wort des freien Geistes.

Rüdiger Görner bei seinem Vortrag „Unterwegs zum Seltensten. Über Stefan Zweig und Rainer Maria Rilke“ im Rahmen der Jahrestagung 2025 der „Internationalen Stefan Zweig-Gesellschaft“ in Deutschen Historischen Institut in Paris. Foto: © Dieter Arnold

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