Kongeniale Verlagsarbeit: Zum Briefwechsel von Anton Kippenberg und Stefan Zweig

Von Susanne Buchinger

 

Nach über zehnjähriger Vorbereitungszeit liegt der rund 950 Seiten umfassende Briefband nun vor. In mustergültiger Gestaltung veröffentlicht der damals in Leipzig, heute in Berlin ansässige Insel Verlag Teile der Korrespondenz seines Verlegers Anton Kippenberg mit seinem Autor Stefan Zweig. Präsentiert werden erstmals 574 Briefe, Postkarten und Telegramme, ausgewählt aus einem bei weitem umfänglicheren Konvolut. Die abgedruckten Schreiben sind eine willkommene Ergänzung zu bereits publizierten Briefwechseln des »Herrn der Insel«, etwa mit Hugo von Hofmannsthal (1985) und Rainer Maria Rilke (1995).

Für die Rezensentin ist diese Edition zudem eine Wiederbegegnung mit jenen Archivalien, die sie für ihre 1998 publizierte Dissertation über Zweigs Beziehungen zu seinen deutschsprachigen Verlegern ausgewertet hat, wobei die prägenden drei Jahrzehnte des Schriftstellers und literarischen Beraters beim Insel-Verlag im Mittelpunkt auch ihrer Analyse standen. Sie kann also nachvollziehen, wie aufwendig, aber zugleich lohnend die Beschäftigung mit dieser trotz Verfolgung, Exil und Krieg weitgehend erhaltenen Arbeitskorrespondenz ist.

Klemens Renoldner und Oliver Matuschek, beide ausgewiesene Kenner von Zweigs Leben und Werk, haben für die Edition die wesentlichen Briefe versammelt und dabei auf inhaltliche Redundanzen bewusst verzichtet. Die Herausgeber haben sich für eine zurückhaltendinstruktive Kommentierung der Briefe entschieden und dafür relevante biographische und werkgeschichtliche Erläuterungen sowie weiterführende Briefstellen zusammengetragen. Aufschlussreich und wohltuend frei von Fachjargon ist auch das relativ knapp gehaltene Nachwort.

Der Briefwechsel zwischen Kippenberg und Zweig, der ein bemerkenswertes Kapitel aus dem an Umbrüchen reichen Literaturbetrieb des frühen 20. Jahrhunderts wiederaufleben lässt, ist dramaturgisch geschickt gegliedert. Der Prolog beginnt mit Zweigs Postkarte vom Juni 1902 mit der Bitte um Zusendung eines Rezensionsexemplars von Rudolf Kassners Buch ›Der Tod und die Maske‹, dem ersten bekannten Schreiben des jungen Schriftstellers an den Insel-Verlag. Nach dem Hauptteil mit der Korrespondenz 1905 bis 1937 schließt sich als Epilog der wohl letzte, unbeantwortet gebliebene Brief des emigrierten Schriftstellers an den Verlag vom Januar 1938 an, in dem es um die (nicht erfolgte) Überweisung eines noch auf seinem Honorarkonto stehenden, aber bereits gesperrten Restguthabens geht.

Stefan Zweig und Anton Kippenberg, zwei prominente Namen in der Literatur- und Verlagswelt des frühen 20. Jahrhunderts, stehen also seit Dezember 1905 in brieflichem Austausch, wobei Zweig ebenso selbstbewusst wie beharrlich mit einem Vorschlag zu einer (nicht ausgeführten) Dante-Übersetzung erfolgreich den ersten Kontakt zum Verleger geknüpft hat. Damals ist der Verlagsbuchhändler und Germanist Kippenberg gerade Leiter des Leipziger Insel-Verlags geworden, dem er rasch ein von seinem »besten Lotsen« Goethe geprägtes, einzigartiges Profil verschafft. Er erweitert das Programm beträchtlich und baut den Verlag (fortan mit Zweigs tatkräftiger Unterstützung) zu einem führenden literarischen Haus aus.

Die Herausgabe von Zweigs Büchern ist von Anfang an von einem intensiven brieflichen Austausch begleitet, begünstigt nicht nur durch das Interesse, sondern auch das Gespür des Schriftstellers für verlegerische Belange. Trotz gelegentlicher Meinungsverschiedenheiten verfolgen Autor und  Verleger dieselbe Zielsetzung, der ungeduldige, enthusiastische Wiener Zweig und der mit Blick auf die ökonomische Seite bedächtigere, sprödere Bremer Kippenberg. Trotz unterschiedlicher Temperamente sind sie sich in der Einforderung hoher literarischer Maßstäbe und einer erstklassigen Buchausstattung einig.

Die Veröffentlichung von Zweigs eigenen, später vornehmlich erzählerischen Werken wird rasch zu einer finanziellen Erfolgsgeschichte. In der Zwischenkriegszeit gehören seine zahlreichen Bücher schließlich zu den meistverkauften, was den Autor nicht davon abhält, zu spät beauftragte Neuauflagen (etwa S. 442 f. und 460–462) und zögerliche Werbemaßnahmen (zum Beispiel S. 593) zu beanstanden. Das Verlegerehepaar Anton und Katharina Kippenberg liest Zweigs Manuskripte zwar aufmerksam, macht aber nur wenige Änderungsvorschläge (etwa S. 438 und 513–517). Meist wird der übermäßige Gebrauch von Superlativen und Fremdwörtern bemängelt (vgl. S. 519 und 584), die der Schriftsteller vor Drucklegung bereitwillig tilgt.

Zweig setzt seine breitgefächerten Fähigkeiten nicht nur in eigener Sache ein, sondern avanciert rasch zum Berater seiner Verleger, in späteren Jahren etwa für Ben Huebsch, Herbert Reichner oder Gottfried Bermann Fischer. Seine Doppelfunktion ist allerdings nirgends besser nachzuvollziehen als in seinem Briefwechsel mit dem Insel-Verlag. Von Anfang an überschüttet Stefan Zweig den sieben Jahre älteren Verleger mit Anregungen, um das Niveau des Leipziger Unternehmens weiter zu heben und neben dem klassischen, oft lizenzfrei verfügbaren Kanon mehr Modernes publiziert zu sehen. Dazu zählen seine eindrücklichen Empfehlungen formkonservativer, oft befreundeter Dichter. Zahlreiche Briefstellen aus dem nun vorliegenden Band belegen Zweigs eifrige Vermittlung und Kippenbergs reservierte Haltung gegenüber zeitgenössischer Literatur (so etwa S. 295– 300). Nachweislich nimmt der Anteil moderner Schriftsteller im Verlagsprogramm zu, darunter sind Émile Verhaeren, Albrecht Schaeffer, Felix Braun, Frans Masereel, Romain Rolland sowie der junge Richard Friedenthal.

In der Korrespondenz lässt sich auch im Einzelnen nachvollziehen, wie Zweig wesentliche Buchideen initiiert hat. So ist er offensichtlich der Spiritus Rector der ›Insel-Bücherei‹ (1912), jener ab 1909 zunächst als »Flugschriften für 20 Pfennig« konzipierten Buchserie. Dem anfangs zögerlichen Verleger schickt er unermüdlich Autoren- und Titelvorschläge, vor allem für Zeitgenössisches, »um so den Kontakt gerade Ihrer modernen Dichter mit dem Publikum herzustellen, das Exclusive auszugleichen mit dem Populären« und sieht in der Realisierung der bibliophilen Buntpapierbändchen einen »ganz ungeheuerlichen Aufschwung « (S. 90) für den Verlag voraus.

Als internationale Erweiterung des Programms schlägt Zweig im Februar 1919 seinem Verleger ferner drei heute weitgehend vergessene Buchreihen unter dem Sammeltitel ›Orbis Literarum‹ vor, sorgfältig editierte Werke der Weltliteratur in ihren Originalsprachen. Da das Vorhaben aufgrund von Importbeschränkungen ausländischer Bücher nach Kriegsende auch kaufmännisch interessant ist, lässt sich Kippenberg schließlich dafür gewinnen und leistet einen erheblichen finanziellen Einsatz bei der Realisierung des polyglotten »Hauptgeschäfts« (S. 359 ff.), das Zweig als literarischer Chefredakteur von Salzburg aus betreut. Die fremdsprachigen Bücher können sich jedoch nicht durchsetzen, das verlustreiche Projekt wird 1925 eingestellt.

Die vorliegende Korrespondenz zeigt detailliert, wie in enger Abstimmung ein ambitioniertes Verlagsprogramm gestaltet und stetig erweitert wird. Sie macht sichtbar, wie stark beider Autographenleidenschaft auf die Gestaltung des Buchprogramms eingewirkt hat. Die promovierten Geisteswissenschaftler, Schachspieler und Zigarrenraucher sind sich zudem durch ihr Interesse für klassische Literatur und Musik nah.

Der Briefwechsel eröffnet Einblicke in die Zeitläufte, in die sich zuspitzende politische Lage, und wie diese in eine fast dreißig Jahre gewachsene Freundschaft einbricht. Ein Zeitdokument gleichsam, aus dem man ablesen kann, wie die beinahe symbiotische Arbeitsbeziehung spätestens 1933 Risse bekommt. Zuvor schon hat es Irritationen wegen der »sprachlichen Überarbeitung « von Zweigs überhastet geschriebener Biographie ›Marie Antoinette‹ (1932) gegeben, an der sich antisemitische Verleumdungskampagnen in der rechtsgerichteten Presse entzündeten. Aus »einem Pfeiler seines Verlages« wird der politisch zurückhaltende Schriftsteller »über Nacht […] jener Eckstein […], an dem mit Vorliebe das Bein gehoben wird« (S. 889), so Zweig Anfang Mai 1933 in einem Brief. Anfänglich hält sich der deutschnational gesinnte Kippenberg mit Verweis auf sein klassisches Verlagsprogramm zurück, später sucht er nach Kompromissen mit den neuen Machthabern. Es erscheint eine  ›gesäuberte‹ Neuauflage von ›Marie Antoinette‹, andere Projekte des einträglichen Schriftstellers werden aufgeschoben. Die Situation eskaliert im Herbst 1933 mit der Auseinandersetzung um Klaus Manns Exilzeitschrift ›Die Sammlung‹, für die Zweig seine Mitarbeit zugesagt hat. Nach dem  Erscheinen des ersten Hefts widerruft Zweig diese mit Hinweis auf den politischen und nicht wie angekündigt literarischen Charakter der Publikation. Wie andere Verleger hat sich Kippenberg von Zweig bestätigen lassen, dass sein Autor im Vorfeld über die programmatische Ausrichtung des Magazins getäuscht worden sei. Allerdings hat Zweig nicht mit der (von Kippenberg gebilligten) plakativen Veröffentlichung seiner Erklärung im ›Börsenblatt‹ gerechnet und ist durch diesen Vertrauensbruch tief verletzt. Ab Dezember 1933 lässt man die geschäftlichen Beziehungen in gegenseitigem Einvernehmen ›vorläufig‹ ruhen. Zweig, der nach einer polizeilichen Hausdurchsuchung im Februar 1934 von Salzburg nach London emigriert, veröffentlicht (in Absprache mit Kippenberg) zunächst seine neuen Bücher, später sukzessive auch viele Backlisttitel bis zum ›Anschluss‹ Österreichs bei Herbert Reichner in Wien. Zweig hat sich bewusst gegen einen der neuen Exilverlage wie Allert de Lange oder Querido entschieden, auch um den Verkauf seiner Bücher im Deutschen Reich nicht von vornherein auszuschließen (vgl. S. 807).

Es beginnt ein für Zweig und Kippenberg schmerzlicher, konfliktbeladener Ablösungsprozess, der nicht nur ihre Geschäftsbeziehung beendet, sondern auch ihre Freundschaft gefährdet. Diese politischen Ereignisse und damit einhergehende berufliche wie private Turbulenzen beherrschen die Korrespondenz jener Jahre, bevor ihr brieflicher Gedankenaustausch abreißt. Zwar sind sporadische Kontakte zu dem in Leipzig ausharrenden Verleger noch bis zum Gesamtverbot der Werke Zweigs in Deutschland im Frühjahr 1936 nachweisbar, doch durch die NS-Postzensur kann lediglich Unverfängliches mit dem auf internationalem Parkett weiterhin erfolgreichen Exilautor ausgetauscht werden. Zweig erinnert noch in seiner ›Welt von Gestern‹ wehmütig an diese »glückliche, selbstverständliche Verbindung«.

Abgerundet wird die vorliegende Edition durch ergänzende Briefe und Dokumente. Darunter sind Kippenbergs Schreiben an das Reichspropagandaministerum 1933, Zweigs Abhandlungen über seinen Leipziger Verleger sowie der eher glücklose Briefaustausch des Verlegers mit den Zweig-Erben von 1947. Eine Fundgrube ist die Auflistung der Standorte von Korrespondenzstücken und Dokumenten, der Quellen und verwendeten Literatur sowie ein Register der erwähnten Werke Zweigs und ein Personenverzeichnis mit biographischen Kurzangaben. Mit dieser vorbildlichen, dringend empfohlenen Ausgabe wird eine äußerst fruchtbare Geschäftsbeziehung und bemerkenswerte Freundschaft zweier facettenreicher Persönlichkeiten unmittelbar (be)greifbar. Ihre Schreiben sind darüber hinaus Ausdruck heute kaum noch gepflegter Briefkultur.

Die Rezension erschient zuerst in „Aus dem Antiquariat“ (AdA), Heft 2, 2022.
https://mvb-online.de/marken-und-produkte/ada

Wir danken der Autorin und dem Verlag für die freundliche Genehmigung zum Abdruck.

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